Berlin. Der Deutsche Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) übt scharfe Kritik am neuen Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zur Patientensteuerung in der ambulanten Versorgung. Man begrüße, dass die KBV „endlich eigene Ideen“ präsentiere. „Mit einem wirklichen hausärztlich gesteuerten Primärarztsystem haben die Vorschläge allerdings wenig zu tun“, schreiben die HÄV-Bundesvorsitzenden Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier in einem Pressestatement. Das Modell der KBV gleiche einem „Schweizer Käse“ mit unzähligen Ausnahmen, Schlupflöchern und alternativen Versorgungspfaden. Effiziente Versorgung und klare Strukturen suche man vergebens.
KBV-Positionspapier: Patientensteuerung durch Bezugsärzte
Das Positionspapier der KBV skizziert eine Variante des Primärarztsystems, in der gesetzlich Versicherte für Leistungen in der ambulanten Versorgung einen Arzt aus bestimmten Facharztgruppen wählen. Die KBV nennt hier insbesondere Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte sowie Gynäkologen. Diese „Betreu-Ärzte“ sollen demnach als erste Ansprechpartner die Steuerung der ambulanten Versorgung übernehmen und den weiteren Behandlungsablauf koordinieren. Augenärzte und Psychotherapeuten bleiben demnach von der gesonderten Patientensteuerung ausgenommen. Bei chronischen Erkrankungen sollen Patienten einen Bezugsarzt ohne Überweisung konsultieren dürfen. Laut KBV-Vorschlag soll für Schutzimpfungen oder Früherkennungsuntersuchungen die freie Arztwahl ohne Überweisung bleiben.
Außerdem formuliert das KBV-Papier Vorschläge zur Verbesserung der Patientensteuerung durch strukturierte digitale Prozesse. So schlägt die KBV vor, die digitale Plattform 116117 stärker einzubinden. Dort könne nach einem „medizinisch standardisierten Einschätzungsverfahren (analog zu SmED – Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) eine fachgruppenspezifische Zuweisung ausgestellt“ werden. Diese Termine sollen laut KBV mit einer Termingarantie versehen sein, aber auch telemedizinisch angeboten werden können.
HÄV: „Patientensteuerung gelingt am besten in der Hausarztpraxis“
Der HÄV kontert die KBV-Vorschläge. Ein Primärarztsystem sei weit mehr als eine „simple Überweisungsmaschine“. Der „allergrößte Teil der Patientenanliegen“ könne direkt in den Hausarztpraxen abschließend geklärt werden. Das KBV-Papier ignoriere das: Anders sei nicht zu erklären, dass beispielsweise auch Gynäkologinnen und Gynäkologen steuern sollen. „In der Praxis würde das bedeuten, dass Gynäkologen formal der erste Ansprechpartner sind, sie diese aber sofort weiterschicken müssten, wenn kein spezifisch gynäkologisches Anliegen vorliegt“, kritisiert der HÄV.
Erfolg der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) wird ignoriert
Zudem argumentiert der HÄV gegen den KBV-Vorschlag zur plattformbasierten Steuerung über die 116117. „Echte Patientensteuerung“ gelinge nicht durch anonyme Telefon- oder Bildschirmkontakte, sondern nur über die hausärztliche Langzeitbeziehung.
Ein weiterer Kritikpunkt des Verbands: Das KBV-Positionspapier gehe mit keiner Silbe auf die seit Jahren erfolgreich praktizierte Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) ein. Dabei habe sich die HZV – insbesondere in Bundesländern wie Baden-Württemberg – als äußerst wirksames Instrument zur Versorgungssteuerung bewährt. Studien zeigen, dass HZV-Patienten seltener Krankenhausleistungen in Anspruch nehmen, besser versorgt und koordinierter behandelt werden.









